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Meine Eltern sind nicht

(was mich immer noch erstaunt)

12/16/2018 9:58:57 PM by daniel@dschmid.ch


He Marcus! Weisst du eigentlich, dass ich euch beiden das Sozialamt auf den Hals hetzen könnte!?

original Mundart: He Marcus! Weisch du eigentlech das ig euch zwene d's Sozialamt chönnt uf e Haus hetze!?

Das war der Beginn des glücklichen Endes einer Farce in zwei Akten, die offenbar dreissig Jahre gedauert hat. Eine Farce, die penetrant surreal und irrational ist.

Passagen des folgenden Textes werden zu lesen sein wie Rechtfertigungen, als wäre ich ein geschlagener Hund der winselnd seine Wunden leckend das Unrecht der Welt beklagt. Der Eindruck täuscht nicht. Ich bin dermassen frustriert über das Vorgefallene und es gibt Wunden zu lecken. Letzten Endes ist ein Schlussstrich ziehen die beste Entscheidung. Dabei wird es bestimmt bleiben, auch wenn die Vergangenheit überwinden geradezu lächerlich einfach wäre.

Die Protagonisten und Informationen zum Verständnis

Bevor ich versuche das Vorgefallene in einen Zusammenhang zu stellen, wird es wohl notwendig sein, ein paar Informationen und die Protagonisten einzuführen:

Vater und Mutter, zusammen Die Eltern. Sie wohnen in Südfrankreich. Der vorliegende Text wird hauptsächlich von ihnen handeln.

Wir hatten grossartige Unterstützung für die Sanierung unserer Schulden von einer nahen Verwandten. Im vorliegenden Text werden wir sie der Rolle entsprechend Darleiherin nennen. Ihr Mann war bezogen auf die hier zu schildernden Ereignisse Bote für teilweise wirre Nachrichten der Darleiherin. Der engen Beziehung zur Darleiherin gemäss wird die Bezeichnung Darleiher passen. Über das Darlehen gibt es eine vertragliche Regelung. Wir haben im Gegenzug zu der Gewährung des Darlehens weitere mündliche Zusagen gewährt. Unter anderem haben wir uns verpflichtet ein vorgegebenes Budget einzuhalten und dies von der Darleiherin kontrollieren zu lassen. Des Weiteren gewährten wir eine sehr weitreichende Vollmacht, die im Wesentlichen eine vollständige Kontrolle über unsere finanziellen Tätigkeiten erlauben sollte.

Marcus, mein Mann und ich. Ich denke wir sind weltoffen und neugierig und sind uns gewohnt, uns einiges gefallen zu lassen. Im vorliegenden Text sind wir die betroffenen.

Das Ende

(2. Akt)

Das Zitat ganz am Anfang stammt von der Darleiherin, gerichtet war es an Marcus, aber der Formulierung nach betrifft es uns beide. Es ist auch nicht so, dass dieser Satz ungewollt über die Lippen kam, obwohl ich dies zuerst vermutet hatte.

Ich halte von diesem Satz recht wenig. Er ist niederträchtig, hinterhältig, feige und gemein ausserdem masslos überheblich. Daran zu denken, dass ohne Einbezug der hauptsächlich Beteiligten hinterrücks eine Denunzierung bei einer Behörde erfolgen soll, zerstört die ganze Basis einer geschäftlichen oder privaten Beziehung.

An einem schönen Septembertag rief meine Mutter an und schlug ein Treffen vor. Das Thema sollten die Kommunikation und Finanzen sein, soweit ich verstanden habe. Ich war damit einverstanden, aber einfach nicht an meinem Geburtstag, sondern später und ich bin bei dem Treffen dabei, nicht Marcus. Ich erklärte, dass manchmal in Gesprächen die Fetzen fliegen können und ich daran kein Interesse habe. Als Beispiel führte ich eben das Zitat der Darleiherin an. Meine Mutter meinte spontan - "Ja, das habe ich allerdings auch schon gesagt." Mit dieser von ihr wohl wenig bedachten, aber ehrlichen Äusserung machte sie mich wütend wie noch nie in meinem Leben. Ich teilte dies mit und beendete das Telefonat schnell nach einer knappen Verabschiedung.

Nach zwei Wochen - es sind immer zwei Wochen - reagierte meine Mutter. Sie beschied mir per Email, dass ich wie immer nur das Schlimmste annehme und sie alles nicht so gemeint habe wie ich mir das denke. Aber eigentlich wurde ich wegen ihrem Satz wütend und nicht wegen dessen was ich vielleicht vermuten könnte die Ausgangslage gewesen sein könnte, wieso sie diesen Satz auch mal gesagt hat. Sie hat mir gegenüber die Richtigkeit des Satzes der Darleiherin bestätigt, sogar schriftlich. Und dazu musste ich nicht irgendwelche Vermutungen anstellen.

Ich versuchte dann via dem Darleiher verständlich zu machen, dass es so nicht geht und dass wir alle dringend zusammensitzen sollten. Er sagte zu, sich hierfür bei den anderen einzusetzen.

Ich meine, unter Erwachsenen liesse sich das Vorgefallene einfach aus der Welt schaffen: "Oh, du willst nicht, dass man dich mit Ämtern bedroht? Nun gut, das verstehe ich. Ich werde also inskünftig darauf verzichten und diese Idee nicht weiterverfolgen." Eine Sache von Minuten, die man sofort oder zeitnah erledigen kann.

Wäre es ein bestimmtes Familienmitglied gewesen das wütend geworden wäre und nicht ich - ja dann hätte meine Mutter ohne die zwei Wochen Wartezeit auf der Stelle etwa so getönt: "Oh nein, das tut mir aber leid! Ich wollte doch nicht, dass du wütend wirst! Ich werde natürlich alles daransetzen, dass so etwas nicht im Entferntesten wieder vorkommt! Und jetzt wäre ich noch dankbar, wenn du sagtest, welchen Schuh ich dir lecken dürfte."

Der geneigte Leser mag nun denken, dass ich übertreibe. Ja es ist wahr, ein Quäntchen Übertreibung ist hier mit dabei, aber nicht mehr.

Entgegen der Annahme meiner Mutter glaube ich ihr sofort. Sie hat den Satz gesagt - nicht mit diesen Worten selbstverständlich. Das Gift ist auf fruchtbaren Boden gefallen, gereift und schliesslich verwendet worden, um was auch immer zu erreichen.

Nun also, nach Ablauf von weiteren vierzehn Tagen entschloss ich mich dazu selbst anzurufen. Natürlich auch mit dem Vorwurf, wieso es einen Monat Zeit braucht und man sich immer noch nicht dazu entschliesst mit dem eigenen Sohn zu sprechen. Die Antwort: "Ich habe ja in der Mail geschrieben - 'Wenn ihr reden wollt, unsere Türe ist offen'. - Da ist doch klar, dass ich nichts weiter unternehmen muss und der Ball nun bei euch liegt. Ausserdem, ich wollte ja gerade anrufen, das habe ich dem Darleiher gerade eben versprochen." Eigentlich hätte mir da schon klar sein müssen, dass alles keinen Sinn hat. Stattdessen habe ich mein Möglichstes versucht, irgendwo eine Basis zu finden, um irgend Etwas zu retten. Das Telefonat dauerte drei Stunden. An deren Ende war ich sogar zuversichtlich, dass alles gut werden könnte.

Von einem Treffen war allerdings plötzlich überhaupt nicht mehr die Rede. Auch von Seiten der Darleiherin nicht. Diese liess über den Darleiher ausrichten - da ich offensichtlich über eine genaue Buchhaltung verfüge, müsse ich einfach überall den Faktor 0.1 aufrechnen und damit hätte ich die Zahlen für das Budget und ein Treffen ist somit nicht nötig.

Diese Art der Finanzberatung kann ich mir auch selbst geben und verulken kann ich mich auch selbst. Ich hatte tatsächlich über Monate eine detaillierte Buchhaltung geführt. Diese wäre die Grundlage gewesen für ein Treffen. Man hätte genau unsere Ausgaben analysieren können. Auf dieser Basis wären eine Beratung und weitere Absprache mit uns überhaupt erst möglich geworden. Keine Budgetberatung macht das anders.

Die Darleiherin beschied uns, für sie seien so viele Zahlen zu komplex. Sie sei nicht so gut im Rechnen. Auch meine Mutter hat eine Kopie dieser Buchhaltung erhalten. Anlässlich des dreistündigen Telefonats habe ich sie gefragt, ob sie einen Blick darauf geworfen habe. Ihre Antwort war - das müsse sie gar nicht, sie wisse auch so, dass sie viel zu kompliziert sei. Ich solle doch einfach ein Büchlein über die Ausgaben führen. Sie selbst führe ein Büchlein, das reiche völlig. Ich versuchte mich einigermassen zu beherrschen:

"Ja, aber das geht doch nicht, wir haben uns gewissermassen verpflichtet unsere Finanzen offenzulegen, wie soll das mit einem Büchlein gehen."

Mutter: "Doch, das geht. Ich mache es ja auch so."

"Aber das Budget"

Mutter: "Das brauche ich nicht, dazu habe ich ein anderes Büchlein"

"Ja, aber wie kontrollierst du dann die Einhaltung des Budgets"

Mutter: "Ich schreibe die Zahl aus dem Budget oben auf die Seite im Büchlein mit den Ausgaben"

"Also brauchst du doch ein Budget und kontrollierst es auch"

Mutter: "Nein ich schreibe nur die Zahl, ich kontrolliere nicht"

"Ja, aber was macht dann die Zahl dort?"

Mutter: "Da sehe ich wie viel ich noch ausgeben kann."

"Also doch, du hast eine Budgetkontrolle."

Mutter: "Nein, das habe ich nicht."

"Das verstehe ich nicht"

"Also zum Beispiel der Coiffeur." - leichte Verzweiflung liegt in ihrer Stimme - "Ich habe in dem Büchlein mit dem Budget notiert, wie viel ich pro Monat für den Coiffeur ausgeben will oder kann. Diese Zahl vermerke ich im anderen Büchlein oben auf der Seite für den Coiffeur. Immer wenn ich zum Coiffeur gehe, trage ich die Ausgaben auf der Seite ein. Wenn ich nun am Ende des Monats sehe, dass ich nicht alles Geld aufgebraucht habe, kann ich das auf den nächsten Monat übernehmen oder ich kann mit dem verbleibenden Betrag etwas anderes finanzieren."

"Also doch! - Wie dem auch sei, wenn ich schon eine Buchhaltung führe, dann muss sie professionell sein."

Ich stand vor der Frage, was mir meine Mutter auszureden versuchte und wieso. Was sie da schwatzte war in keinster Weise zielführend, ganz im Gegenteil. Wir hätten unsere eingegangenen Verpflichtungen gar nicht einhalten können. In der Folge argumentierte ich, dass eine professionelle Buchführung für mich beruflich nützlich, wenn nicht gar notwendig ist. Das schien immerhin eine gewisse Akzeptanz einer gewissenhaft und professionell geführten Buchhaltung zu bewirken. Das Argument, dass dies zugleich eine wichtige Ausbildung für mich sei führte dazu, dass man mir offerierte, eine Buchhaltungssoftware und eventuell Ausbildung zu finanzieren. Meine Eltern empfahlen mir die Banana Buchhaltung, die sie selbst einsetzen. Damit war ich dann doch etwas überfordert. Nicht nur, dass wenn es ums Bezahlen geht, meine Eltern offenbar eher bereit sind etwas zu tun, als wenn es darum geht vernünftig und konstruktiv miteinander an einen Tisch zu sitzen. Ein Fakt, den ich als ziemlich erniedrigend empfinde. Jedenfalls habe ich mir in diesem Moment vorgenommen, dass um keinen Preis der Welt sich meine Eltern je auf diese Weise werden freikaufen können. Inzwischen habe ich eine fundierte Ausbildung in Finanzbuchhaltung, die dem Wissen aller Protagonisten bei Weitem überlegen ist. Ich bin allerdings sicher, dass dies bereits zuvor der Fall war. Auch die Tatsache, dass meine Eltern offensichtlich eine professionelle Buchhaltung einsetzen, ich aber eine 'Milchbüchlirechnung' zu führen empfohlen kriege war damals sehr verwirrend und ist es noch heute. Dass man sich konstant und konsequent weigert mir auf gleicher Augenhöhe zu begegnen kann ich nur so interpretieren, dass ich Recht habe, aber nicht Recht haben darf.

Dieser Teil des Telefongesprächs hat allerdings noch weitere Folgen. Ich hatte immer angenommen, meine Mutter hätte eine kaufmännische Ausbildung. Ich begann mich zu fragen, ob sie diese absichtlich verleugnet, oder sie tatsächlich von geschäftlichen Belangen keine Ahnung hat. Je mehr ich überlege, desto mehr komme ich zum Schluss, dass letzteres zutreffen muss.

Kürzlich wurde mir allerdings von dritter Seite in einem völlig anderen Zusammenhang erklärt, dass sehr viele während der kaufmännischen Berufslehre die Finanzbuchhaltung nicht kapieren und grundsätzliche Begriffe wie beispielsweise Erfolgswirksamkeit oder Aktivtausch nicht verstehen. Nun ja, das mag auch auf meine Mutter zutreffen. Welchen Teil der kaufmännischen Ausbildung hat sie also mitgenommen? Mal abgesehen von deutscher Grammatik und der Französischen Sprache, die sie sehr gut spricht.

Am Ende jenes dreistündigen Telefonats fragte meine Mutter: "wie geht es nun weiter?" Ich meinte dazu, wir hätten jetzt einen guten Stand erreicht und sollten nichts überstürzen. Jedenfalls kann es nicht schriftlich weitergehen, meinte ich noch. Wir telefonieren oder sehen uns. - "Wieso nicht schriftlich?" - Ich sagte: "man tut das nicht. "

Man tut es wirklich nicht. Meine Mutter wusste und weiss das. Es gibt vielerlei Gründe dafür aber letzten Endes ist es ganz einfach feige. So gut, dass persönliches in der notwendigen Tiefe schriftlich besprochen werden könnte, so gut kann sich kaum jemand ausdrücken, vor allem meine Mutter nicht, das hat sie ja schon mal ausprobiert (s. 1. Akt). Sie jedoch meinte - "doch, das tut man!" und fortan beschäftigte sie sich damit per Telefon und vor allem schriftlich alles zu zerstören, was an konstruktiven Elementen noch vorhanden war. Gab ich darauf Antwort - gezwungenermassen halt auch schriftlich - meinte mein Vater, ich schreibe zum grössten Teil Blödsinn. Meine Mutter --- mit der Zeit konnte ich folgende Regeln im Kommunikationsverhalten der Mutter erkennen:

  1. Antworte unter keinen Umständen vor Ablauf von vierzehn Tagen.
  2. Nach den vierzehn Tagen picke irgendeinen unwichtigen Satz heraus und äussere eine gewisse Enttäuschung darüber. Unterlasse aber unter allen Umständen eine Begründung
  3. Fülle den Mittelteil der Nachricht mit Vorwürfen oder Anschuldigungen (Mailterror, erpressen, oder sonstigen Unsinn) und getraue dich auch mal weit unter die Gürtellinie zu zielen. Vor allem wenn es am Telefon ist. Auch hier braucht es keine Begründung
  4. Schliesse jedes Schreiben unbedingt mit der Phrase "Wenn du reden willst, unsere Tür ist offen"

Irgendwann habe ich eingesehen, dass es keinen Sinn macht sich an Strohhalme zu klammern, die einzeln gekappt werden. Mein Vorschlag lautete: "Wir sollten nicht mehr miteinander zu tun haben."

Mein Vater meinte dazu, ich schreibe grösstenteils Blödsinn und - "dann sprechen wir halt eine Weile nicht mehr miteinander". Keine Ahnung woher er diese Einfügung "eine Weile" genommen hat, in meinem Vorschlag war sie nicht enthalten. Meine Mutter antwortete nach obigem Schema.

Daher habe ich nach Ablauf der ersten drei(!) Wochen damit begonnen, Kommunikationswege abzubrechen. Langsam und schrittweise über ein halbes Jahr hinweg wurde immer mehr stillgelegt. Nein, nicht vollständig - die naheliegendsten, einfachsten Möglichkeiten sind nach wie vor offen, sie werden nur nicht genutzt. Diese Massnahmen sind also wesentlich langsamer erfolgt, als eine Aktion der Eltern benötigt haben würde. Ich verstehe die Massnahmen auch nicht als Abwehrwall, sondern eher als Persönlichkeitsschutz auch gegenüber Dritten.

Das ist also das Ende.

Wie alles begann

(1. Akt)

Vor ungefähr dreissig Jahren habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich auf Männer stehe. Ich wisse es und sei mir sicher. Und sollten sie damit nicht zurechtkommen, dann gibt es gute Psychologen, die helfen können. Das sagte ich ihnen persönlich von Angesicht zu Angesicht.

Meine Mutter reagierte postwendendend, also nach 14 Tagen per Post mit einem mehrseitigen Brief voller Unsinn dessen wichtigster Inhalt war: Wenn das so sei, dann wolle sie nichts mehr von mir wissen. Ich beantwortete den Brief mit dem Versuch aufzuzeigen, was für einen Quatsch sie geschrieben hat. Es folgten weitere Briefe, die ich im selben Sinn beantwortete. Insgesamt zählte ich drei Briefe. Ob der Dritte beantwortet wurde, kann ich nicht mehr genau sagen.

Jedenfalls beschloss ich mit dem würdelosen Schreiben aufzuhören und fortan einfach dem Willen meiner Mutter zu folgen und sie nichts mehr von mir wissen zu lassen. Selbstverständlich war das nicht konsequent umsetzbar. Ich habe ja noch weitere Verwandtschaft, die ziemlich vernünftig war und ist. Ausserdem war ich nicht bereit, mein eigenes Leben einzuschränken, nur wegen - na, nur wegen dieser - äh, dieser - also, wegen ihr. Demnach stellte ich meinen Mann vor. So bekamen meine Eltern doch das eine oder andere von meinem Leben mit. Das übrige dichteten sie sich einfach dazu oder kochten kalte Gerüchte in neuer Zusammensetzung für sich neu auf.

Es dauerte beinahe dreissig Jahre, während denen ich misstrauisch beobachtete, wie sie nett taten, wo ich doch genau wusste, dass sie nichts von uns wissen wollten. Ganz allmählich, dank dem Einsatz von Marcus hatte ich zu glauben begonnen, dass so etwas wie Normalität trotz allem möglich sein könnte.

Während einem Telefonat, das dem dreistündigen Gespräch folgte, fragte ich meine Mutter: " Soll nun alles wieder so ablaufen wie vor dreissig Jahren? Willst du das wirklich?" "Ja wie hätten wir den sonst reagieren sollen damals?!?" - antwortete sie - "Wenn du uns das sagst und dann noch den Psychiater erwähnst". Ja wie würden wohl Eltern reagieren? In einem Schreiben antwortete ich, dass es doch hätte möglich sein sollen in den letzten dreissig Jahren eine Gelegenheit zu finden, diese Frage zu beantworten. Ich meinte, dass dazu eigentlich zwei Stunden genügen müssten. Zwei Stunden deshalb, weil der Rotwein halt etwas Zeit braucht, den man bei dieser Gelegenheit gemütlich auf der Terrasse in Südfrankreich in der Abendsonne geniessen kann.

Mein Vater schrieb dazu, ich schreibe grösstenteils Blödsinn.

Da meine Eltern diesen Text nie lesen werden habe ich hier ein paar Vorschläge, was man tun könnte statt nicht erst nehmen und verstossen:

  • Sich wie Eltern verhalten
  • Besorgt sein
  • Erfreut darüber sein, dass der Sohn Liebe und Persönlichkeit entdeckt
  • Sich erkunden was das bedeutet
  • Dankbar sein für das Vertrauen, das der eigene Sohn entgegenbringt
  • Verantwortung zeigen
  • Neugierig sein - hat er einen Freund, den er vorenthält?
  • Was bewegt den Sohn dazu so etwas zu sagen?
  • Offenbar ist er erwachsen und geht seinen Weg.
  • Das Gespräch suchen

Ja, was hätten meine Eltern denn sonst tun sollen, wenn sie von ihrem Sohn erfahren, dass er schwul ist? Wie kann man überhaupt diese Frage stellen!

Ich schrieb mal dazu. Diese Frage mir zu stellen ist wie, wenn ein Vergewaltiger sein Opfer fragte "Was hätte ich denn sonst tun sollen? Wenn du einfach so dastehst". Die Frage ist ganz einfach erniedrigend und soll die Schuld auf das Opfer lenken. Es ist definitiv nicht meine Sache sie zu beantworten.

Mein Vater schreibt dazu, ich schreibe grösstenteils Blödsinn.

Es war jedenfalls das letzte Mal, dass meine Eltern von mir etwas Persönliches erfahren haben.

Irgendwann versuchte man mir zu sagen, ich sei ein Wunschkind gewesen. Ich glaube, meine Mutter wars. Mag sein, dass die Eltern sich über die Festtage 1966 gesagt haben: "Komm wir machen ein Kind, möchtest du auch?"

Ansonsten würde der Begriff "Wegwunschkind" eher zutreffen: "He Daniel, geh da mal weg, Martin und ich müssen da ran."

"Er ist halt Linkshänder". Obwohl ich eindeutig Rechtshänder war. Nur waren meine manuellen Fähigkeiten links ebenfalls gut ausgebildet. "Er ist halt Legastheniker". Eine Behauptung die nie abgeklärt wurde, also eigentlich aus der Luft gegriffen. "Er ist halt nicht gut im Rechnen". "Er ist halt nicht so musikalisch.". "Er ist halt nicht sportlich". "Daniel komm mal. - Kannst du den Arm über den Kopf legen und dein anderes Ohr berühren?". "Er liest gern." "Er ist halt Einzelgänger"

Das änderte sich in meiner Jugend. Sekundarschule, Berufswahl und ein Jahr an der Kunstgewerbeschule in Basel - Das Jahr in dem ich erwachsen worden bin. Von da an durfte ich mir die Welt selbst erkunden, Musikinstrument kaufen, lesen, neugierig sein, Freude an Zahlen und Sprache haben, singen und vieles mehr. Dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar.

Ja wie hätten meine Eltern denn reagieren sollen, als ich ihnen sagte ich sei schwul...

Dank den Einblicken, die ich im zweiten Akt erhalten habe bin ich heute der Meinung, dass meine Mutter keine moralische Instanz ist, auch keine ethische. Ich habe mal über sie geschrieben sie vertrete eine voraufklärerische calvinistische Ethik. So etwas würde sie nicht verstehen, sagte man es ihr direkt und sie würde nicht nachfragen wie das gemeint ist und wüsste nicht ob das nun schlecht oder sehr schlecht gemeint ist. Ich habe Mühe bei ihr etwas wie Ethik oder Sozialkompetenz zu erkennen.

Gelernt hatte sie wohl einen kaufmännischen Beruf auf einer Gemeindekanzlei. Sie hat dann wohl ein paar Jahre als Sekretärin gearbeitet und als Aushilfe auf einer Gemeindekanzlei. Sie hatte öffentliche Ämter inne, war in der Schulpflege und im Gemeinderat.

Mein Vater hingegen, er ist wohl ziemlich intelligent, einfach ohne Charisma. Nicht weil er keines hätte, sondern weil er es sich abgewöhnt hat. Allen und allem gegenüber willfährig, weil er wohl vor langer Zeit gelernt hat, dass man so auf weniger Widerstand trifft. Von aussen betrachtet nimmt er in der Beziehung meiner Eltern eine durchaus betont devote Rolle ein. Auch hier vermag ich wenig Sozialkompetenz auszumachen. Ich frage mich ab und zu, wie er wohl wäre, hätte er sich scheiden lassen, als die Zeit dazu war.

Heute würde man sagen er ist ein 'Nerd'. Er war gelernter Elektriker und hat sich wie ich vermute selbst weitergebildet. Er hat für andere Fernseher repariert, sich später einen Computer von Grund auf aufgebaut und verstanden. Er hat eigene Treiber geschrieben, selbst ROM's gebrannt und vieles mehr, alles faszinierende Dinge. Daneben hat er nicht gelesen, war in keinem Verein, hat sich nicht um Nachrichten interessiert, hat meist keine eigene Meinung, ein richtiger Nerd halt.

Das Verhältnis zu ihm mag vielleicht folgendes ein wenig illustrieren. Mehrmals sagte er, die Berechnungen der Navigationssysteme müssen hoch komplex sein. Ich sagte dann etwa - "So komplex ist es eigentlich gar nicht." - Vielleicht reichte es noch mit der Erklärung zu beginnen - "Es geht um Graphen." Er sagte jeweils - "Ah so. Ich muss den Tisch decken." - oder etwas in der Art. Es interessiert ihn immer noch. Ich kann es erklären. Keinesfalls würde er es sich von mir erklären lassen.

Das Schlussbild

Verdammt noch mal! Ich will nicht reden, auch wenn hierzu irgendwo eine Tür offen wäre. Ich will Lösungen, kein Kaffeekränzchen. Der Schlusssatz "wenn du reden willst - unsere Tür ist offen" bedeutet ja nur das Eingeständnis völlig unfähig zu sein eine Problematik zu erkennen, zu definieren und lösen zu wollen.

Darf ich als schwer Erziehbarer, Legastheniker, Unbeholfener, Sexmonster, Begriffstutziger Vorschläge machen?

  • Überlegt doch mal ob "ich will nichts mehr von dir wissen!" nach dreissig Jahren noch Gültigkeit hat. Wenn ja, dann steht verdammt noch mal endlich dazu und handelt danach. Wenn nein, dann solltet ihr euch vielleicht überlegen mir das mitzuteilen, nur damit ich vielleicht auch ausnahmsweise mal informiert bin.
  • Überlegt doch mal wie euer Verhältnis zu eurem Sohn aussehen soll. Was für eine Basis soll es haben. Wenn darüber halbwegs Klarheit herrscht, dann solltet ihr möglicherweise den Sohn fragen, wie er dazu steht. "Man muss halt auch mal verlieren können!" ist hier ziemlich fehl am Platz, gell Mamma!
  • Überlegt doch mal, ob mit dem Willen zu helfen nicht auch das Interesse einher geht zu erfahren, ob und welche Hilfe überhaupt Sinn macht. Dazu bräuchte es die direkt betroffenen am selben Tisch. Einfach ein Amt darauf anzusetzen kann nicht hilfreich sein. In der Schweiz kennt man diese Art Hilfe ja bereits durch "Kinder der Landstrasse". Da wurde mit behördlicher Hilfe ganze Generationen auseinandergerissen und Kinder kriminalisiert. Hilfe ohne die direkt betroffenen funktioniert nicht. Ebenfalls funktioniert nicht, einfach mit Geld um sich zu schmeissen.

Mein Vater meint auch hierzu selbstverständlich, ich schreibe grösstenteils Blödsinn.

Danke für den konstruktiven Beitrag, Papa!

Was bleibt?

Ich habe diesen Text auch in der Hoffnung geschrieben, etwas Klarheit darüber zu erhalten was überhaupt passiert ist. Was ist das für ein Kampf, den meine Eltern führen und gegen wen? Was meint meine Mutter, wenn sie zu mir sagt - "Man muss halt auch mal verlieren können". Das ist Kampfrhetorik - nur welcher und wessen Kampf wird da geführt? Wieso sind Vorschläge und Beiträge von mir grundsätzlich falsch? Wenn ich sage ein Treffen sei wichtig, dann ist es sofort für alle Übrigen absolut nicht mehr notwendig, obwohl man sich zuvor überaus einig schien, dass eines durchgeführt werden soll? Übrigens habe ich schriftlich mitgeteilt gekriegt, dass ich zu über fünfzig Prozent schuld daran bin, dass ein Treffen nicht stattfindet. (Die übrigen trifft demnach eine Schuld von je 12.5%). Auch hier wieder dieser Kampf und Schuldzuweisung, anstatt der Versuch konstruktiv zu sein. Hätte sie nicht schreiben können - "Ich mag nicht" oder - "Vergiss es, es war sowieso nicht meine Idee" oder - "Konstruktive Diskussionen liegen mir nicht"? Stattdessen ist vordringlich eine Schuld zuzuweisen: "Du bist schuld" und erst danach die Absage: "dass es nicht stattfindet!" Natürlich ohne Begründung. Wenn ich eine korrekte Buchführung präsentieren kann, dann ist das zu kompliziert und nicht brauchbar und nicht mal einen Blick wert. Es gilt immer das Gegenteil, von dem was von mir kommt – wieso? Es gibt noch so viele weitere Beispiele, die hier nicht aufgeführt worden sind. Es ist dermassen grotesk, dass ich mir denke ich müsste nur verlauten lassen, - "Erbvorbezug ist eine dumme Sache" - schon wäre ich reich.

Keine meiner vielen Fragen ist beantwortet worden.

Trotz dem was vorgefallen war, waren meine Eltern in gewisser Weise ein Leuchtturm. Ein Orientierungspunkt - Was bleibt davon?

Meine Eltern sind nicht und ich verstehe es nicht. Ich wünsche ihnen alles Gute.

Der Leuchtturm ist erloschen, ist eine leere, nichtssagende, im Schlamm treibende Hülse geworden.

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