Mein Blog

50%

eine Hypothese

1/15/2019 11:07:11 AM by daniel@dschmid.ch


In meinem letzten Blog habe ich ziemlich am Schluss erwähnt, dass meine Mutter mir schriftlich beschieden hat:

Du bist zu 50% Schuld, dass es (das Treffen) nicht stattfindet.

Dieser Satz ist mir hängengeblieben. Dass er merkwürdig zusammenhanglos dasteht, habe ich bereits angemerkt. Aber auch in sich ist er unlogisch. Wäre ich tatsächlich zur Hälfte verantwortlich, dann wäre ich am Entscheidungsprozess beteiligt. Du bist schuld, dass ich absage - so gelesen ist das natürlich Blödsinn.

Ich habe eine These entwickelt, die das ganze zum Stimmen bringt.

Ich denke, der Satz ist anders zu lesen. Offenbar sieht meine Mutter nur zwei Parteien und dazwischen eine Trennlinie. Hüben sie und drüben offenbar ich. Von da her rühren die 50%.

Das stimmt halt nicht mit der Realität überein. Ich habe nie eine Einladung wahrgenommen, mich jenseits einer Trennlinie aufzustellen. So ist der Platz in Wirklichkeit leer. Meine Mutter könnte also einfach den leeren Platz sehen und erkennen, dass auch die Trennlinie nicht nötig ist und sie wäre zu 100% frei. Stattdessen füllt sie den eigentlich leeren Platz mit einer Projektion. Sie projiziert ein Bildnis von mir da hinein und macht es zum Gegenüber. Damit ist auch die Trennlinie genügend begründet.

Da es nur ein Lichtbild ist, lässt sich Allerlei da hinein projizieren was negativ bewertet ist. Positives hat keinen Platz, das Lichtbild befindet ja jenseits der Trennlinie.

Es ist offenbar eine einfache Lösung. Nur auf den zweiten Blick zeigen sich enorme Nachteile. Der erste ist offensichtlich. Es ergibt sich ein Realitätsverlust. Das Lichtbild ist nur eine Projektion meiner Mutter. Es ist nur natürlich, dass es mit meiner Person nur wenig zu tun hat.

Dennoch ist das Lichtbild mit mir attribuiert. Alles was ich tue, kann nur die Berechtigung des Lichtbilds bestätigen. Werde ich wütend, dann ist das aufgrund des Lichtbilds - "typisch für einen Choleriker". Bin ich freundlich, dann "das ist bestimmt nur eine Phase und gleich vorbei". Schreibe ich - "muss das sein, das ist ja Terror". Schreibe ich nicht, dann - "Typisch, er kommt nur wenn er etwas von mir will". Wenn ich umziehe - "Bestimmt musste er in diese Absteige wechseln". Die Liste liesse sich endlos verlängern.

Da das Lichtbild nun mal existiert, kann es meine Mutter auch nicht mehr entfernen. Die Projektion geht ja von ihr aus. Sie könnte mich umbringen, auch dann wäre die Projektion noch da. Sie kann das Lichtbild wegen Unfähigkeit nicht besiegen.

Wie eingangs schon gesagt - es ist eine Hypothese. Aber mit ihr lässt sich alles erklären, was bisher unerklärlich war. "Man muss auch mal verlieren können" - ja logisch, entsteht aus dem Kampf gegen das Lichtbild. "Du bist schuld" - wie könnte es aus ihrer Sicht auch anders sein? "Ich lasse mich nicht erpressen"! "Mailterror"! Sozialamt auf den Hals hetzen. Alle diese Bemerkungen, die quer zur Realität standen haben nun einen Zusammenhang. Auch die Verhaltensmuster - wie immer das Gegenteil von dem was ich sage richtig ist - sind nicht mehr merkwürdig.

Falls diese Hypothese zutreffen sollte, frage ich mich, seit wann diese Konstellation schon besteht? Ich würde meinen, mindestens dreissig Jahre. Aber ich kann mir durchaus auch vorstellen, dass es bereits vor meiner Geburt angefangen hat. Ich bin möglicherweise Schuld, dass meine Mutter Freiheiten verloren hat, dass sie heiraten musste und eine wohl nicht existente Karriere aufgeben musste, dass die Geburt nicht einfach war. Jedenfalls müsste es einen Moment gegeben haben an dem es einfacher schien, sich mit einer Projektion auseinanderzusetzen.

Back to List