Kayo

Wie schwer es doch ist

Wie schwer es doch ist! Ich versuche es sagen: – «Schau, das ist deine Welt. Behalte sie in Erinnerung!»

Wir haben viel gemeinsam unternommen und doch vielleicht zu wenig. Nun ist nicht mehr viel Gelegenheit dazu. Wir werden die verbleibende Zeit noch ein wenig nutzen und möglichst geniessen.

Wir werden auf jeden Fall noch einmal auf die Staffelegg fahren, da wo wir öfters gewesen sind, vielleicht abends, bei Sonnenuntergang. Da oben hast du das erste Mal Schnee erlebt. Als Welpe und auch als du älter warst, bist du in deinem oft ungestümen Temperament durchs hohe Gras und über frische Äcker gerannt. Im Restaurant sind wir essen gegangen. Wir waren auf den umliegenden Bergen, der Gisifluh, der Wasserfluh, dem Benken, der Salhöhe, dem Zeiher Homberg, dem Striehen …. – Hinter uns, hinter dem Bergrücken liegt Rohr, wo du deine Jugend verbracht hast und dort vorne weiter unten im Tal, da leben wir gegenwärtig. Da, vor dem weiten Panorama will ich es dir sagen: «Schau, das ist deine Welt. Ich hoffe du behältst sie in guter Erinnerung und nimmst diese Erinnerung mit, wie auch die Erinnerung an uns.»

Du bist nun alt geworden. Dein Gang ist wiederstrebend und schwerfällig. Schmerzmittel helfen, dass du doch noch kurze Strecken leichtfüssig zurücklegst. Es ist Frühling, die Obstbäume blühen, das Gras wächst, die Wiesen sind voller Blumen. Doch du streifst nicht mehr temperamentvoll durch das Gras wie es früher der Fall war. Deine Hinterbeine zittern vor Schmerzen, wenn du dein Geschäft verrichtest. Seit Monaten stimmt deine Verdauung nicht mehr. Unsere Ausflüge in die Natur sind nur noch kurz. Und doch: «Das ist deine Welt, schau sie dir an und nimm sie mit.» – Dies zu sagen habe ich noch nicht geschafft.

Ich habe mehrfach versucht, es zu sagen. Aber es schnürt mir den Hals zu, es treibt mir Tränen in die Augen, dass sie überquellen und die Wangen hinunterströmen, auch hier und jetzt beim Schreiben dieser Zeilen. Es tut so weh, dich so zu sehen. Vor wenigen Tagen – bis noch kurz vor Ostern – da konnten wir noch etwas weiter gehen und es schien fast als wäre alles normal, du wärst einfach ein alter Hund. Nun tut es weh, dich zu sehen, wenn wir nur eine kurze Runde gehen und ich das Gefühl habe, du tust es wegen mir. Du willst zum Platz wo wir meistens Kommandos trainierten. Du schaust mich auffordernd an und gehorchst und tust das was ich sage und du tust es gut. Und ich habe das Gefühl, du tust das für mich.

Nein, es geht nicht so schlecht, dass der Abschied gleich bevorstünde. Wir werden es wohl tatsächlich noch einmal auf die Staffelegg schaffen, bei hoffentlich schönem Frühlingswetter die Natur sehen und vielleicht einen Sonnenuntergang. Da werde ich wohl noch einmal versuchen das Beklemmen im Hals und die Tränen zu unterdrücken, um mit fester Stimme zu sagen: «Schau, das ist deine Welt, nimm sie mit als Erinnerung und auch uns!» Aber der Abschied wirft seine Schatten voraus und schon jetzt tut es verdammt weh.

Wie verdammt schwer und wie unglaublich schmerzlich es doch ist, dem edelsten und treuesten Begleiter zu sagen: «Schau das ist deine Welt. Behalte sie in Erinnerung und uns auch.» Es ist dies auch unsere Welt, die wir die Jahre mit dir geteilt haben. Ich hoffe wir waren dir gute Partner und Anführer.

Viele Wanderungen und Spaziergänge haben wir unternommen. Viele Stunden haben wir in der Hundeschule verbracht, als du noch jung warst. Wir sind verreist, öfters in den Süden. Leider konnten wir den Plan, in den Norden zu reisen nicht mehr umsetzen. Immerhin bis in den Schwarzwald reichte es. Immer warst du uns ein toller und treuer Kamerad.

Ich hoffe, wir waren ein gutes Team für dich. Wir wollten dir immer auch deine Freiheiten lassen. Und nun halten wir dich auch nicht auf. Du darfst gehen sobald es Zeit ist für dich. Nur um das eine bitte ich, auch wenn es noch so weh tut es zu sagen:

«Schau, das hier ist deine Welt, nimm sie mit und behalte sie. Nimm auch uns mit und behalte uns in guter Erinnerung»

Kayo vom Stieracker – wir werden dich nie, niemals vergessen.

Herznach, 16.4.2020/ds


Den Text habe ich am 16. April 2020 geschrieben

Im Text erwähnte ich die Tage vor Ostern, das war um Ende Mai, Anfang April 2020. (Ostern war 12. April 2020)

Am 18. April 2020 waren wir bei schönstem Frühlingswetter über dem Mittag auf der Staffelegg. Ich empfahl ihm die Welt und uns und auch sein eigenes Leben, das insgesamt – so denke ich – gar nicht so schlecht war, mitzunehmen.

Dank der Pariativpflege trat kurzzeitig – bis etwa erste Mai Woche – eine erhebliche Besserung ein. Die Geschwüre bildeten sich zurück. Die Spaziergänge reduzierten sich jedoch allmählich auf einmal am Tag und auch dann nur eher kurz raus und vor allem nicht aufwärts gehen.

Der letzte Ausflug auf den Hübstel in Herznach am 12. Mai 2020 war noch per Auto möglich. Seine Freude war – wie immer, wenn wir irgendwo hin gehen – gross. Dieser Ausflug war für Kayo länger als für uns.

Kayo ist am 12. Mai 2020 nachmittags um Viertel nach vier Uhr gestorben.


Im Gedenken an Kayo vom Stieracker unseren Berner Sennenhund, geboren am 12. Juni 2009, gestorben am 12. Mai 2020 er wurde fast elf Jahre alt. Er ist in Würde von uns gegangen – «Das hier war deine Welt – unsere Welt.»

In tiefer Trauer Marcus und Daniel Schmid

Abbildung 1: Meine Hand - seine Pfote Neujahr 2017

Abbildung 2: eines der letzten Bilder von Kayo erstellt am 24. März 2020

Abbildung 3: 16. November 2015